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Selbstfindung auf die andere Art

Autor: CarinaSchmidt | Datum: 17 Januar 2014, 15:15 | 2184 Kommentare

Im Moment merke ich immer deutlicher, wie sehr ich mich in der letzten Zeit verändert habe. Wenn ich jetzt zurückschaue und mir überlege wie ich in der einen oder anderen Situation vor einem Jahr gehandelt hätte, dann fällt mir auf, dass mein komplettes Denken sich verändert.

Stellen wir uns mal vor, ich wäre ein Auto.

 

Vor 19, fast 20 Jahren war ich noch ganz neu. Keine Kratzer, keine Beule, meine Farbe war weiß und es war noch kein bisschen Schmutz an den Felgen. Mit der Zeit hat sich das schon ziemlich verändert... Durch meine Fahrschulzeit in einer sehr behüteten Umgebung konnte ich viel ausprobieren. Ich habe die Farbe mehrmals gewechselt. Erst Pink, dann Blau, anschließend vielleicht Schwarz und Grün ist auch dabei. Viele Muster und kleine Bilder sind auf meinem Lack zu sehen und erzählen einen Teil meiner Geschichte. In dieser Zeit habe ich schon den einen oder anderen Kratzer abbekommen, bin mal in Büsche reingefahren, habe ein paar kleine Beulen mitgenommen und bin auch nicht selten gegen Wände gefahren (zum Glück immer so langsam, dass nie ein Totalschaden entstand). Aber im Endeffekt ging es immer weiter und wenn ich mal durch eine riesige Schlammpfütze gefahren bin kam nach einiger Zeit ein Regenschauer, der mein Auto wieder sauber gewaschen hat. In 19 Jahren Fahrschule habe ich viel gelernt. Sehr viel. Mein Weg hat mich unter anderem bis nach Südafrika geführt, ich habe meine eigene Meinung zu vielen Dingen entwickeln können und bin entschlossen genug meinen ganz eigenen Weg zu finden. Wo dieser mich hinführen sollte war dann im letzten Jahr klar: Nach Indonesien. Eine neue und größere Herausforderung als alles andere, was ich bisher erlebt habe!

Nach diesen 19 Jahren "Schonfrist" bin ich mit der Ankunft in Indonesien in eine neue Zeit gestartet. Die Fahrschule ist vorbei (Wie teuer sind eigentlich 19 Jahre lang Fahrschule? Ich glaube ich möchte es gar nicht wissen...) und ich mache mich alleine auf den Weg in ein neues Abenteuer. Ohne Familie, ohne Freunde... Und trotzdem haben sie alle ihre Spuren an meinem Auto hinterlassen! Alle meine Freunde und meine Familie haben mein Auto mitgestaltet. Mal saßen wir zusammen im selben ("Boot" passt an dieser Stelle irgendwie nicht) LKW und haben einen kleinen Unfall gebaut, mal wurden neue Bilder auf die Farbschichten gepinselt, dann gab es Situationen in denen wir irgendwie unter demselben Farbeimer standen, der ausgekippt wurde. Es gibt kleinere Unfälle mit Blechschäden, die man immer noch sieht und genauso gibt es liebevoll überpinselte Macken, die jetzt viel schöner aussehen, als vor dem Unfall.

Egal wo ich bin, meine Freunde, meine Familie, meine Herkunft... alles hat Spuren hinterlassen, die ich nicht einfach "ablegen" kann. Mit all' diesen Erfahrungen im Kofferraum bin ich in mein Jahr in Indonesien gestartet. Voller Vorfreude und doch etwas Vorsicht, damit ich nicht allzu tief in das Euphorie-Loch fallen kann, was nach einer bestimmten Zeit in neuer Umgebung gewöhnlicherweise auf sich warten lässt. 

Plötzlich bin ich fast auf mich allein gestellt. Am anderen Ende der Welt gelten andere Straßenregeln, die ich bei meiner Ankunft noch gar nicht kenne. Ich fahre einfach drauf los und missachte auf meinem Weg durch die neue Welt so einige ungeschriebene Gesetze. Mittlerweile würde ich den Fahrstil, den ich am Anfang der Zeit in Indonesien gefahren bin mindestens als riskant, bis hin zu grob fahrlässig bezeichnen. Mein Denken und mein Fahrstil hat sich umgestellt. Ich kenne viele der ungeschriebenen Regeln, auch wenn ich sie nicht benennen kann, ich weiß, an welchen Stellen ich vorsichtig sein sollte und welche Themen ich besser großzügig umfahre. Mein ganzes Auto hat sich langsam, sehr langsam auf Indonesien umgestellt und ich habe das Gefühl, dass ich mich jetzt schon halbwegs sicher durch die Straßen bewegen kann, ohne, dass ich einen Fußgänger überfahre oder in einem Riesencrash lande.

Auch die paar Monate die ich jetzt erst in Indonesien bin haben schon sehr deutliche Spuren an meinem Auto hinterlassen. In vielen Bereichen bin ich sensibler geworden, weil die Lackschicht mit jedem Mal, dass ich an der gleichen Stelle meines Weges irgendwo hängen geblieben bin, immer dünner geworden ist. Außerdem sind meine Fenster gewachsen... oder so... jedenfalls sehe ich viel mehr Dinge, mir fallen Kleinigkeiten auf und ich konnte meine Touristenbrille absetzen. 

Ich falle immer noch auf, mein Äußeres unterscheidet sich deutlich von den meisten Modellen der Indonesier, meine zuerst gelernten Fahrregeln sind komplett andere, ich verstehe nicht alles und ecke immer wieder an, manchmal würde ich auch gerne einfach von hier wegfahren. Nach Hause, in meine gewohnte Umgebung, ein bisschen Urlaub machen von so viel Neuem! Und dann genieße ich wieder die herrlichen Aussichten, die ich so in Deutschland nie gesehen hätte. Ich mag das Wetter, immerhin rostet dann mein Auto nicht so schnell durch und es friert auch nichts ein, das Eiskratzen bleibt mir erspart und letztendlich komme ich mit jedem einzelnen Tag weiter hier an. Ich lerne immer mehr, was es bedeutet in dieser Gegend herumzufahren und wie ich mich am besten verhalte. 

Ich weiß, dass ich anders bin als die Meisten hier, aber ich bin auch nicht mehr die Gleiche, wie noch vor ein paar Monaten in Deutschland. Mein Auto hat eine ganze Reihe neuer Macken, aber mindestens genauso viele neue, wundeschöne Muster, die ich vorher noch nie gesehen habe und vermutlich auch nicht für möglich gehalten hätte.

ngomong-ngomong: Vor einigen Tagen war ein Professor aus den Niederlanden bei uns im Krankenhaus zu Besuch um zu enscheiden ob er (oder irgendeine Stiftung oder so..) das Krankenhaus unterstützen möchte. Den ganzen Tag liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Es wurden Sofas umgestellt, Getränke zubereitet, alles wurde geputzt und die ganze Zeit herrschte schon eine große Aufregung. Als er dann endlich da war (mit seinem Übersetzer) habe auch ich mich kurz mit ihm unterhalten. Da er ziemlich gut Deutsch spricht haben wir uns auch auf Deutsch unterhalten. Doch plötzlich fing er an auf Niederländisch zu reden, sein Übersetzer plapperte auf Englisch vor sich hin und meine Kolleginnen redeten auf Indonesisch auf mich ein. Da stand ich dann in einem Gewusel aus vier Sprachen, die ich alle verstehe und (ansatzweise) sprechen kann (bzw. kolonial bedingte Abwandlungen). Ende der Geschichte: Mein Sprachzentrum war vollkommen überfordert und meine Antworten auf Fragen waren ein ziemlich bunter Mix aus verschiedensten Vokabeln und Grammatikregeln...

Liebe Grüße aus einer anderen Kultur, mit anderen Regeln und einer anderen Sprache,
Carina

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