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Ich bin ein Teil der Minderheit

Autor: CarinaSchmidt | Datum: 16 Januar 2014, 14:42 | 2191 Kommentare

Ganz kurz vorweg: Es handelt sich hierbei um Beispiele, Gedächtnisprotokolle und eigenen Erfahrungen, um Eindrücke aus Gesprächen und um von Menschen wahrgenommene Bilder, die nicht die gesamte "indonesische Welt" wiederspiegeln können!

 

Indonesien - Ein Inselstaat mit über 17.500 Inseln und insgesamt ca. 240 Mio. Einwohnern. Alle Indonesier und Indonesierinnen müssen eine offiziell anerkannte Religion angeben, der sie angehören. So sind ca. 88% Muslime, 9% Christen (evangelisch und katholisch), 1,8% Hindus, 1% Buddhisten...

Lange Rede, kurzer Sinn: Was bedeutet es in einer so muslimisch geprägten Welt zu leben? 

Dieses Thema ist unglaublich schwierig zu behandeln, aber es beschäftigt mich nun schon eine ganze Weile und in der letzten Zeit habe ich so unterschiedliche, sich teilweise widersprechende Erfahrungen gemacht, dass ich gerne ein paar meiner Gedanken, Erfahrungen und Erkenntnisse aus Gesprächen mit Dir teilen möchte. Dabei geht es mir absolut nicht um religiöse Inhalte und in einem Blogeintrag wie diesem kann ein solch komplexes Thema auch nie vollständig erfasst werden. Deshalb versuche ich hier einen kurzen Überblick zu geben, in welcher Art und Weise ich mit diesem Thema in Berührung gekommen bin.

Das erste mal, dass ich hier vor Ort mit dem Thema konfrontiert wurde war nur wenige Tage nach meiner Ankunft in Malang, im Gespräch mit einem Pfarrer aus einer der örtlichen Gemeinden. Er erklärte mir, dass viele der interreligiösen Beziehungen zu Muslimen sehr gut und auf Freundschaften basiert seien, dass also hier in Malang - sowie in vielen anderen Städten und Regionen auch - ein ganz normales miteinander vorhanden ist.

Gerade frisch angekommen, voller neuer Eindrücke und hoffnungslos überfordert mit der Verarbeitung von sämtlichen neuen Bildern speichere ich diese Information ab und das Gespräch geht weiter. Doch im Hinterkopf klingelt schon so etwas, wie: "Aber wo sind denn dann zerbombte Krichen und wo werden Kirchen abgerissen, obwohl genug Gemeindemitglieder da sind? Solche Nachrichten kommen ja selbst bis nach Deutschland, da kann doch nicht alles perfekt laufen." - Doch zu den Problemen kommen wir später in diesem Eintrag.

Erstmal gibt es ein paar ganz deutlich sicht- und hörbare Unterschiede zu der "deutschen Welt", aus der ich komme. Doch mittlerweile ist auch Indonesien ein Teil meiner persönlichen Welt geworden. Dazu gehört, dass es ganz normal ist, dass ein Großteil der Frauen auf den Straßen mit Kopftüchern herumläuft, oder, dass am Freitag die Minibusse andere Strecken fahren, weil es vor einigen Moscheen so voll ist, dass kein Auto, Motorrad oder Fahrrad mehr durch die Straße passt. Außerdem habe ich mich an die Rufe der Muezzine gewöhnt. Mehrmals täglich und nächtlich, aus verschiedensten Richtungen kann man sie hören, eigentlich hat man auch keine andere Wahl bei der Lautstärke ;) 

Wirklich bewusst habe ich Problematiken in diesem Zusammehang erst um Weihnachten mitbekommen. Dort wurde in einer Situation von einer sehr kleinen Insel erzählt, auf der hauptsächlich Christen lebten. Bis der Jihad kam. Es wurde berichtet von Frauen, die vergewaltigt wurden, von Männern und Kindern, die zum Islam konvertieren mussten und anschließend in "Trainingscamps" untergebracht wurden. Die Rede war von zerstörten Kirchen und Häusern, von zerütteten Familien und kaputten Gemeinden. Irgendwie klingt das alles nicht fassbar. Das soll sich hier in diesem Land abspielen, während in anderen Landesteilen nichts, rein gar nichts an Informationen über solche Geschehnisse ankommt? Ich weiß nicht, inwieweit ich dem Gespräch richtig folgen konnte und ich weiß auch nicht, was genau sich vor Ort abgespielt hat, aber es gibt sie, die Probleme.

Sicherlich ist das ein sehr extremes Beispiel und zur Zeit vermutlich auch eher eine Ausnahme, aber dass man als Christ oder Christin einer Minderheit angehört merkt man auch im alltäglichen Leben nicht selten.

Zum Beispiel gibt es in meiner Gastkirche einen politisch sehr engagierten und angesehenen Mann, der sich ziemlich gut auskennt mit allem, was die aktuelle Politik und öffentliche Ereignisse angeht. Schon seit einigen Jahren versucht eine der großen indonesischen Parteien ihn für sich zu gewinnen und als Spitzenkandidat für die Wahlen einzusetzen. Dadurch würde er vermutlich sehr schnell die politische Karriereleiter hinaufsteigen. Der Haken bei der Sache ist, dass er um in die Partei einzutreten aus der Kirche austreten und zum Islam konvertieren müsste. Doch das ist bisher nicht der Fall...

In der letzten Woche hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit meiner Gastmutter, welches mich noch ein bisschen weiter in dieses Thema hineingezogen hat. Vor einigen Jahren war die Situation hier in Malang anscheinend deutlich angespannter, weswegen es Weihnachtsgottesdienste gab, an denen niemand mit einer Tasche in die Kirche kommen durfte. Lediglich eine Bibel pro Person ist an der Polizeikontrolle am Eingang vorbeigekommen. Weihnachten mit der Angst in die Luft gesprengt zu werden...
Für eine der katholischen Krichen ganz in der Nähe ist diese Angst Realität geworden. Nach dem Weihnachtsgottesdienst am 25. Dezember wurde die Kirche vor einigen Jahren mit einer Bombe zerstört. Genaueres weiß ich leider nicht. Nur, dass die Kirche heute wieder steht und wirklich groß, prächtig und wunderschön aussieht.

Das Gebäude meiner Gastgemeinde ist schon seit einigen Jahren zu klein, ein neues Grundstück ist gefunden und gekauft, der Architekt hat seine Arbeit schon vor ein paar Jahren erledigt, die Baugenehmigung war schon da. Die Kirche steht immer noch dort, wo sie bisher war. An besonderen Festen wie Weihnachten und Erntedank sitzen die Besucher bis mitten auf die Straße oder sogar bis auf die andere Straßenseite vor der Kirche und vor zwei Wochen wurden die Zeiten der verschiedenen Gottesdienste so versetzt, dass über den gesamten Sonntag Gottesdienste verteilt sind. Morgens um 6 ist der Gottesdienst auf Indonesisch, um 8 fängt die erste Runde Kindergottesdienste an, um 10 ist die zweite Runde Kindergottesdienste (für die älteren) und gleichzeitig findet ein Gottesdienst auf Javanisch statt... Und warum? Weil nicht mehr alle gleichzeitig in die Räume gepasst haben. Vor allem die Räume der Kinder waren zu klein. In der neu geplanten Kirche würde es passen. Seit mittlerweile über zehn Jahren versucht die Gemeinde vergeblich eine endgültige Bauerlaubnis zu erhalten. Doch die Bewohner, die in der Nachbarschaft dieses Grundstückes wohnen weigern sich, demonstrieren und das bisher mit Erfolg.

Demonstrationen gibt es aber auch auf der Seite der Christen. In Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens, soll es eine Gemeinde geben, die im Moment keine eigenes Gebäude bauen darf und deswegen jeden Sonntag vor dem Regierungsgebäude (oder einem anderen wichtigen Gebäude...ich hab' es vergessen) ihre Gottesdienste abhält in der Hoffnung so genug Aufsehen zu erregen und letztendlich eine neue Kirche bauen zu können. 

Und auch im Alltag, abseits von Kirche oder Moschee werden an einigen Stellen des alltäglichen Lebens extreme Unterschiede zwischen den Angehörigen unterschiedlicher Religionen gemacht. Ich lebe mit meiner Gastfamilie mitten im Studentenviertel der Stadt und hier ist es häufig so, dass Studenten, die nicht in ihrer Heimatstadt studieren können in dem Haus einer fremden Familie als Gast leben. In welchen Häusern Gäste empfangen werden steht meistens mit einem Zettel an der Eingangstür: "Wir empfangen Gäste - weiblich - Muslima"... Sicherlich gibt es auch Familien, die unabhängig von der Religion Gäste aufnehmen und bei sich wohnen lassen, doch ist auch das eine Minderheit.

Die letzten Beispiele und Erzählungen stammen alle aus Gesprächen mit verschiedenen Personen, die teilweise auch frustriert waren. So kamen unter anderem Sätze zustande wie: "Aber wir Christen dürfen uns nicht wehren. Wir dürfen nur beten und abwarten, denn wir wissen, dass Gott es am Ende richten wird. Und manchmal ist das Warten sehr schwer.". Wie ich die ganze Situation bisher erlebe ist dann wieder eine ganz andere Sache.

Im persönlichen Umgang mit Menschen der verschiedensten Religionen habe ich bisher ausschließlich sehr gute, offene und herzliche Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel macht es in dem Krankenhaus in dem ich arbeite keinen Unterschied, welcher Religion man angehört. Morgens um 7:30 gibt es eine kurze Andacht für alle Christen, über den Tag verteilt verschwinden immer mal wieder Kolleginnen mit Gebetsteppich und Kopftuch (welches sie während der Arbeit nicht tragen) unter dem Arm in eines der leeren Zimmer und kommen nach ihrer Gebetszeit wieder. Religion ist ziemlich wichtig, egal, welche Religion es nun genau ist. An Weihnachten wünscht Jeder Jedem frohe Weihnachten - ohne Ausnahme. Im Alltag wird ermutigt doch erst zur Andacht zu gehen und danach weiterzuarbeiten, es wird sich gegenseitig unterstützt und Freiraum geschaffen zur Ausübung der eigenen Religion.

Ich muss sagen, dass mich das ziemlich beeindruckt. Es werden keine Unterschiede gemacht und das, obwohl sonst beinahe überall genau diese sichtbar sind. Ich persönlich habe bisher nur Akzeptanz, Ermutigung, Wertschätzung, Toleranz und Unterstützung der Religionen in beide Richtungen erlebt und das ist einfach großartig.

Zum Schluss noch einmal der ganz wichtige Hinweis, dass dieser Blogeintrag sich nicht auf religiöse Inhalte bezieht und ebenfalls keine Wertung von Religionen beinhalten soll! Ich habe versucht zu beschreiben, wie ich mit diesem schwierigen Thema bisher in Kontakt gekommen bin und was mir in Gesprächen mit unterschiedlichen Menschen erzählt wurde. Es ist einfach ein sehr schwieriges Thema und ich weiß in manchen Situationen nicht genau, wie ich damit umgehen kann oder soll. Vieles ist verwirrend und ich habe bisher wahrscheinlich nur einen winzigen Teil dieses Themenkomplexes kennengelernt. Doch bin ich sehr froh, dass der Teil, den ich persönlich kenne so positiv ist.

ngomong-ngomong: Am Sonntag kommen alle meine Mitfreiwilligen aus Indonesien und Sri Lanka hier nach Malang und ab Montag beginnt schon unser Zwischenseminar! Danach geht es für eine Woche zusammen in den Urlaub und Anfang Februar bin ich dann wieder in Malang. Wie schnell die Zeit hier vergeht ist ein wirklich sehr rätselhaftes Phänomen!

Liebe Grüße,
Carina

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